Meinungsmache(r) - II

Frei ist, wer reich ist

Die gefährlichsten Unwahrheiten sind die Wahrheiten, mäßig entstellt.
(Georg Christoph Lichtenberg)

Medien gibt es bei uns wie Sand am Meer. Zeitungen und Magazine, Rundfunk und Fernsehen mit jeweils hunderten von Sendern. Auch an Informationen ist im Grunde kein Mangel. Rund 2000 Nachrichten erhalten Sender und Zeitschriften täglich. Veröffentlicht werden in einer besseren Tageszeitung ca. 200. Höchtens. In Hörfunk und Fernsehen bedeutend weniger. Dies bekam ich beim Besuch der hiesigen Tageszeitung zu hören. Natürlich wird keine Zeitung der Welt alle 2000 Nachrichten heraus bringen können. Schon mit der Aufnahme von 200 Meldungen sind wir an der Grenze unserer Aufnahmefähigkeit. Sind alle wichtig? Was erfahren wir an Hintergründen und Zusammenhängen? Alleine schon durch die Auswahl der zu veröffentlichen Meldungen verfügt aber eine Redaktion über eine Informationsgewalt. Im Vorfeld entscheidet jemand, was ich erfahren soll. Mehr noch: wie viel davon und wie. Oder eben auch nicht. Auch dann nicht, wenn es wichtig ist – siehe: http://www.nachrichtenaufklaerung.de/

Wenn es um wirklich wichtige Belange geht, tut es not, dass diese von möglichst vielen aus unterschiedlicher Perspektive und kritisch beleuchtet werden. "Mit dem Urteil habe Weile, höre zuvor beide Teile." Denn jedes "Ding" hat bekannter Maßen zwei Seiten. Mindestens. Doch genau damit gibt es ein Problem. Siehe die Themen Vollbeschäftigung, Arbeiten bis 67, Riesterrente, Gesundheitspolitik, Kriegseinsätze, Atompolitik ... die Darstellung ist in überwältigendem Maße einseitig.

Pressefreiheit - Theorie und Wirklichkeit

So ist es ein Leichtes Informationen nur teilweise weiterzugeben, ihren Sinn umzudeuten, sie zu verschweigen. Abhängig von den Vorgaben des Herausgebers und den ökonomischen Abhängigkeiten, abhängig je nach politischer Ausrichtung von Chefredakteur und Redaktion kann man Informationen "aufbereiten" – in eine "genehme" Form gießen. Und das hat Folgen. Der Publizist Paul Sethe schrieb zu dem, was er als Meinungs- und Pressefreiheit bei FAZ, Welt und Stern erlebt hatte, in einem Leserbrief an den Spiegel im Jahr 1965:

Im Grundgesetz stehen wunderschöne Bestimmungen über die Freiheit der Presse. Wie so häufig, ist die Verfassungswirklichkeit ganz anders als die geschriebene Verfassung. Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Journalisten, die diese Meinung teilen, finden sie immer. Ich kenne in der Bundesrepublik keinen Kollegen, der sich oder seine Meinung verkauft hätte. Aber wer nun anders denkt, hat der nicht auch das Recht, seine Meinung auszudrücken? Die Verfassung gibt ihm das Recht, die ökonomische Wirklichkeit zerstört es. Frei ist, wer reich ist.
Aus: "Leserbrief von Paul Sethe" im Bürgerforum Überwald

Heute ist es nicht anders. Meinung bildet, wer reich ist. Er / Sie hat die Mittel dazu. Und heute ist es nur noch ein winziger Bruchteil jener ehemals 200, die so etwas wie einen "Mainstream" schaffen. Leute, die sich kennen und gleiche, mindestens ähnliche Interessen vertreten. Was andererseits bedeutet, dass ihnen nicht genehme Themen ausgefiltert werden, oder umgedeutet, oder ins Gegenteil verdreht. Manchmal wird auch einfach etwas "erfunden" - um es positiv auszudrücken. Und eine leibhaftige Recherche ist von solchen gar nicht gern gesehen. "Geist oder Geld" nannte Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, sein 2008 erschienenes Buch über den Ausverkauf der freien Meinung.

Wer reich ist, bestimmt, was und wie gemeldet wird. Ein besonderes Schwergewicht mit enormer politischer Einflussnahme ist neben Springer und Burda der Medienkonzern Bertelsmann, der im Print-, Musik- und Fernsehgeschäft weltweit tätig ist, seine eigene Denkfabrik unterhält und mittels seiner Tochter Arvato bis tief in die öffentliche Verwaltung hineingreifen will. Einer der vielen Artikel zu Hintergründen der verdeckten Tätigkeiten der "Krake Bertelsmann" findet sich hier: Machtkartell Bertelsmann.

Ausverkauf

Auf der anderen Seite zeigt sich der zunehmende Ausverkauf der freien Meinung im finanziellen Absturz, dem nicht nur angestellte Redakteure, sondern vermehrt noch freie Journalisten ausgesetzt sind. In seinem Artikel Für eine Handvoll Euro kommt der Journalist Jens Berger zu dem Schluss:

Die wirtschaftliche Situation, in der freie Journalisten stecken, spottet leider jeder Beschreibung. Wer sich nicht verbiegt oder über sehr gute Kontakte verfügt, wird über kurz oder lang in Hartz IV enden. Vor allem längere und aufwändigere Artikel, bei denen man unter Umständen sogar vor Ort mit Leuten sprechen muss, lassen sich so schon längst nicht mehr produzieren. Als "Fließbandschreiber" kommt man zwar über die Runden, die Tiefe der Artikel leidet dennoch unter dem wirtschaftlichen Druck.

2009 kommt die Studie "Begrenzter Journalismus. Was beeinflusst die Entfaltung eines Qualitätsjournalismus" zu dem Schluss, der in "Alles tun für einen festen Job" so dargestellt wird: "Als Bilanz warnt die Studie vor einer Tendenz der 'Verseichtung und Entertainisierung' in den Medien und deren Folgen: Eine weitgehende Unfähigkeit, 'an gesellschaftlich-politischer Entwicklung teilzunehmen, mit katastrophalen Folgen für den europäischen Kulturraum'".

Ähnliches schreiben Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz und stellen dem Wirtschaftsjournalismus kein gutes Zeugnis aus. In der Studie: "Wirtschaftsjournalismus in der Krise" für die Otto-Brenner-Stiftung heißt dazu, dass der Wirtschaftsjournalismus als "Beobachter, Berichterstatter und Kommentator des Finanzmarktes und der Finanzmarktpolitik bis zum offenen Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise schlecht gearbeitet" habe (S.1)

Eine Übersicht zu den Strukturdaten zur Tagespresse bietet das Wissenschaftliche Institut für Presseforschung und Medienberatung unter Presseforschung.de:
http://www.presseforschung.de/struktur/tagespresse.htm

Warum schweigen die Lämmer?

Unter der Überschrift "Warum schweigen die Lämmer? – Demokratie, Psychologie und Empörungsmanagement" beschreiben die Nachdenkseiten einen Vortrag des Kieler Psychologieprofessors Dr. Rainer Mausfeld. Und führen weiter aus: "Mausfeld nimmt uns, soweit noch vorhanden, die letzten Illusionen zum Zustand der Demokratie, zum Missbrauch unserer Sympathie für Demokratie und zur Gewalttätigkeit unserer westlichen „Werte“gemeinschaft. Desillusionierung schadet nicht. Außerdem: Der Vortrag ist aktuell – wegen Griechenland, wegen der spürbaren Bereitschaft zu militärischen Auseinandersetzungen, wegen der alltäglichen Gewalt. Wir bieten Ihnen nicht nur die Links zum Vortrag, auf die anschließende Diskussion und auf ein Interview mit Professor Mausfeld bei Phoenix – zum leichteren und nachhaltigen Umgang mit dem Vortrag bieten wir hier [PDF – 352 KB] auch noch eine Zusammenfassung und Handreichung, die die NachDenkSeiten-Leserin S.H. dankenswerter Weise zusammengestellt hat."
http://www.nachdenkseiten.de/?p=26804

Und nun?

Was bleibt? Journalisten üben ihren Beruf nicht in einem machtfreien Raum aus. Zur eigenen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung ist wohl oder übel auch die Kenntnis anderer Quellen von Nöten. Nur leider kommen die nicht von alleine ins Haus. An jeder Straßenecke gibt es sie auch nicht. Man muss sie schon suchen, die anderen Quellen. Und eigene Aktivitäten sind angesagt.



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