Meinungsmache(r) - I

Das Dilemma mit den Medien

Das ist der Zeitung tiefer Sinn, die bessern Sachen stehn nicht drin.
(Kurt Tucholsky)

Investigativer Journalismus, der Meinugsmache aufdeckt, gehört heutzutage nicht gerade zum Standard in den Mainstream-Medien. Selbst das bloße Überprüfen einer Nachrichten auf ihre Richtigkeit ist für viele Redakteure heute reiner Luxus: "Eine Minute für den Quellencheck" berichtet das Journalistik Journal. Im höchsten Fall kommen - wenn überhaupt - 108 Minuten am Tag und für alle Nachrichten zusammen. Es ist klar, dass da nicht mehr viel Tiefgehendes bei herumkommen kann. Nun gut, hin und wieder gibt es so etwas noch. Bei den Öffentlich-Rechtlichen zum Beispiel. Oder mal in den Printmedien, wie beim "Stern", als z. B. in der Ausgabe 3/2009 ein Artikel über die massiven, von oben angeordneten Stastikschiebereien bei der Bundesanstalt für Arbeit erscheint. In den USA zeigt sich das gleiche Problem. In einer Austrahlung bemängelte der amerikanische Radio-Sender "Democracy Now!" den alltäglichen amerikanischen Pseudojournalismus so: "Amerikas Presse ist häufig nicht daran interessiert zu informieren, sondern daran, Informationen zu blockieren."

Im September 2008 meinte der WDR in einer Sendung zu dem, was "Democracy Now!" in den USA anprangert, aber nicht nur dort gilt, dass man öffentliche Meinung 'machen' könne – Gefühle, besonders Angst, seien hervorragend über die Medien inszenierbar. Auch die größte Demokratie der Welt, die USA, seien Weltmeister im Inszenieren von Nachrichten. Das wüssten wir spätestens seit den Irakkriegen, die mit offensichtlichen Lügen begründet wurden. *)

Und das deutsche Pendant zu Democracy Now!?
Noch haben wir die öffentlich-rechtlichen Anstalten, in denen aber politische Parteien (und Kirchen) das Sagen haben. Gewiss, in diesen Medien bemüht man sich noch, aber kritische Sendungen wie z. B. frontal 21, Monitor und andere werden immer mehr beschnitten, in unattraktive Zeitfenster verschoben und werden damit unter Druck gesetzt, politisch korrekt zu sein. Bei den Printmedien sieht es, auch bei den sogenannten Nachrichtenmagazinen, nicht besser aus. Höflich ausgedrückt.

Aufklärung über Seilschaften, Netzwerke und die personellen Verquickungen zwischen den Interessengruppen und deren Zielen findet sich wenig. Denn erst wenn auf breiter Basis über diese Zusammenhänge aufgeklärt werden würde, wäre für alle nachvollziehbar, warum welche Entscheidungen gefallen sind, wie sie gefallen sind. Und wessen Interessen sie tatsächlich widerspiegeln.

Und so bietet uns der journalistische Mainstream leider nicht viel zum Verständnis des Zusammenspiels
- zwischen Finanzwirtschaft und Energiewirtschaft
- zwischen Politik und Medien
- zwischen Finanzwirtschaft und Politik
- zwischen Politik und Kirchen**)
- zwischen Politik, Wirtschaft und Justiz ***).

Oder, wie es mit Wilhelm von Sternburg ausdrückte, dass "Wirtschaft, Medien, Politik und Gewerkschaft" mittlerweile eine Einheit bildeten. Es gäbe keine grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten mehr zwischen ihnen zu der Frage, wie unsere Gesellschaft auszusehen habe: Die Bundesrepublik war eine kranke Gesellschaft (FR-Online)
Und Noam Chomsky beleuchtete schon 1997 in "Der Mythos der freien Presse" warum die Mainstreammedien Mainstream sind. Und seine Analyse hat leider nichts von ihrer Aktualität verloren.

Spin-Doktoren, Werbung, Monopole

In der ach so freien Presse - die wenigen Konzernen gehört – herrschen Kosten-, Zeitdruck und Einsparung aller Orten. Von Medienkonzernen und großen Finanz- und Wirtschaftsinteressen unabhängige Blätter sind äußerst rar. Journalisten selbst beklagen dazu einen "Rudeljournalismus": "Man bringt nur, was Leitmedien wie Bild und Spiegel bringen" und einen "Kampagnenjournalismus": "Man bringt das, was wirtschaftliche oder politische Interessenverbände sehen wollen, weil sie dafür zahlen." Ein Beispiel: Als sich Leser massiv über einen entstellenden Artikel zu einem Interview mit einem Politiker der "Linken" im Juli 2009 in der Frankfurter Rundschau beschweren, antwortet der Redakteur öffentlich: "Beschwerden bitte an unsere reiche Verlegerfamilie!"

Als amerikanische Industrielle 1898 einen Anlaß suchten, die Spanier aus Kuba zu vertreiben, schickte der Pressemagnat Hearst seinen Reporter und Zeichner Frederic Remington auf die Insel, um über den angeblichen Aufstand der Rebellen und den dort tobenden Bürgerkrieg zu berichten. Als dieser nichts davon vorfand und kabelte: “Hier ist kein Krieg. Ich möchte wieder zurückkehren”, kam von Hearst die berühmt gewordene Antwort: “Bleiben Sie. Sorgen Sie für die Bilder, ich sorge für den Krieg.” Diesem Auftrag kommt die Journallie derzeit nahezu flächendeckend nach•

Der Journalismus ist abhängig geworden, wie auch der Deutschlandfunk zu berichten wußte. Und Stefan Enderle meinte im Magazin Spreerauschen.net dass in den "Giftschränken der Medien" Themen verschwänden, deren Behandlung zu heiß sei und Journalisten, die Politiker einmal für Verfehlungen "an den Pranger gestellt" hätten, kämen künftig nicht mehr an deren "Katzentisch" zu sitzen. Auf Informationen angewiesen und finanziell abhängig, sei Kritik an diesen Zuständen meist ein Fremdwort. Begäbe man sich erst in eine solche "Abhängigkeit, Vorab-Informationen oder Hintergrundgespräche im Gegenzug für eine freundliche Berichterstattung zu erhalten", wirke dies gleich einer inneren Barriere gegenüber "negativen Geschichten" über Politiker, Konzernlenker, Vorstände etc.

Spin-Doktoren (die Artikel erfinden oder Informationen zurechtbiegen) und Werbeagenturen bereiten Nachrichten im Auftrag von Interessengruppen auf und liefern sie druckfertig weiter. So hat die Werbeagentur Scholz&Friends Forderungen wie "Weniger Staat, mehr Privat", "Lohnnebenkosten runter" u. a. im Auftrag der von den Arbeitgebern gesponserten INSM ausgearbeitet und in die Medien gestreut – mit dem Ziel, einen Bewußtseinswandel zur Unterstützung eines breit angelegten Sozialabbaus unter dem Namen "Reform" zu erreichen. Ein anderes Beispiel: In dem Artikel "Die Technik des Staatsstreichs" auf Zeitfragen.ch wird die Technik der Meinungsmache und medialen Beeinflussung zum Zwecke des gesteuerten Regimewechsels beschrieben. Die Seiten von Kann nicht sein widmen sich ausschließlich der Problematik PR-dominierter "Information".

In den Redaktionen, wo Zeit und Geld Mangelware ist, gute Journalisten (oft) zu teuer sind und Praktikanten und Zeitarbeiter zunehmend deren "Job" übernehmen, ist man dafür dankbar. Sonst kann man sein Soll nicht schaffen. Auch Auslandsjournalisten haben das zu spüren bekommen und sich 2008 in erklecklicher Zahl aus dem Dienst deutscher Medien verabschiedet (was selbst der hiesigen Tageszeitung einen Artikel wert war). In seiner Rede zur Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche am 16. Juni 2007 sagte der Journalist Tom Schimmeck unter anderem:

Im heiklen Wechselspiel der "Leitmedien" und Gleitmedien, der politischen Akteure und der sie umkreisenden Journalisten leiden Journalismus und Politik. Selbst in einst seriösen Zeitungen geht es oft nur mehr um die Frage, welcher Akteur gerade wie dasteht und wie gut sein Sakko sitzt. Die distanzierte Demut des journalistischen Beobachters weicht der Geltungssucht des Mitmischers, der Menschen und Themen nach Laune herauf- und herunterschreibt. Reale politische Konflikte werden zunehmend als hässliches Gezänk gespiegelt, die vermeintlichen Sieger und Verlierer täglich neu und oft willkürlich festgelegt. Die Macht professioneller Einflüsterer ist deutlich gestiegen.

Und Le Bohemien führt direkt 10 Strategien der Manipulation auf:
http://le-bohemien.net/2011/06/16/10-strategien-die-gesellschaft-zu-manipulieren/

Wir meinen, wir wären gut informiert. Vielleicht vielfältig, aber kaum hintergründig: "We are overnewst, but underinformed". Selbst dort, wo ausgiebig berichtet wird, wird dies nur leider all zu oft der "Quote" oder der eigenen politischen Stoßrichtung geopfert. Siehe auch: Bündnis der Medien mit der Gewalt

Die wenigen privaten Medienmonopole werfen Unmegen verschiedener Produkte auf den Markt. Und so scheint, dass, weil aus den unterschiedlichsten Richtungen zu einem Problem ähnliche Kommentare kommen, so viele doch nicht irren könnten. Aber tatsächlich sind es leider allzu oft die gleichen Quellen, die gleichen Interessengruppen und es sind die gleichen Geldgeber, die dahinterstecken.

Wer Herr über sein eigenes Denken bleiben will, muss die Methoden der Meinungsmache kennen ...

...analysieren die Nachdenkseiten im gleichnamigen Artikel. Doch leider ist es so, wie Bourdieu es ausdrückte, dass das Denken der Menschen von gesellschaftlichen Strukturen geprägt wird und die Netzwerke mächtiger Interessengruppen sich stärker auswirken als Verstand und Erfahrung vieler Einzelner. Einsichten dazu liefert Walter van Rossum in einem auf Telepolis nachlesbaren Interview: Fernsehen nur für vierstellige Bestechungshonorare.

Ja, sogar die totale Manipulation sei heute möglich, meinen die Nachdenkseiten – um sie noch einmal zu zitieren – und begründen dies im folgenden Artikel: "Die totale Manipulation und Verblödung ist wirklich möglich".

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*) Den ersten Golfkrieg begannen die USA mit einer erfundenen Geschichte – im Regierungsauftrag von einer New Yorker Werbeagentur "designt". Ein angebliches Flüchtlingskind (tatsächlich war es die Tochter des kuwaitischen Botschafters, die unter falschem Namen auftrat), berichtete weinend in einem herzzerreißenden und einstudierten Auftritt vor dem amer. Kongress, irakische Soldaten hätten in Kuwait Hospitäler gestürmt, Babys aus den Brutkästen gerissen und auf Wänden und Böden zerschmettert. Diese frei erfundene Geschichte weckte so viel Emotionen, dass der Kongress die Gelder für den Krieg bereit stellte: Hauptsache, der Krieg konnte beginnen. Auch der zweite Golfkrieg begann mit einer groß angelegten medialen Lüge. Regierungsamtliche Propanda findet sich wahrscheinlich häufiger, als einem lieb sein kann.

**) Man gebe z.B. bei den Nachdenkseiten das Stichwort "Kirche" ein...

***) Deutschlands Staatsanwälte sind politisch weisungsgebunden. Aufschlußreich das Interview mit Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Selenz: http://www.cross-border-wuppertal.de/forum/index.php?templateid=news&id=132


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