LyX – Ein Dokument-Prozessor

LyX nimmt das Textsatzssystem LaTeX als Grundlage und hat deswegen (zum Glück!) auch einige Besonderheiten von LaTeX übernommen, zum Beispiel:

Kontextbezogene Auszeichnung

Der für den Benutzer sofort augenscheinlichste Unterschied beim Start von LyX ist das Fehlen einer wie auch immer gearteten "Seite". Statt den Text, die Seite, sofort möglichst drucknah darzustellen (auch wenn LyX die druckfertige Seite anzeigen kann), zeigt LyX beim Schreiben zunächst wie etwas gestaltet wird, wenn man diesem "Etwas" eine Funktion zuweist, als Überschrift, Absatz etc.

Wir schreiben also eine Überschrift, weisen ihr den Typ "Kapitel-Überschrift" und – das war's. Nix da mit "Buchstaben größer und fett". LyX setzt automatisch die zur Grundschrift passende richtige Schriftgröße und -auszeichnung, setzt den richtigen Abstand zum folgenden Text, setzt auf Wunsch die richtige Nummerierung. Und, wenn man eine Inhaltsverzeichnis anlegen will, legt es das auf Knopfdruck an. Und zwar immer und immer richtig. Auch dann, wenn später die Kapitel verschoben wird. Ja, LyX wählt sogar die zur Grundschrift und Seitengröße passenden Dimensionen des Textfeldes und setzt, passend zur Art des Dokuments auch gleich die Seitenzahlen.

Keine zwei Leerstellen

Noch deutlicher wird die kontextbezogene Arbeitsweise von LyX bei Leerzeichen und Leerzeilen. Während Textverarbeitungen sooft Leerzeichen setzen, sooft die Leertaste gedrückt wird, tut LyX dies prinzipiell nur einmal – größere Wortabstände müssen gesondert eingegeben werden. Und LyX berechnet dann automatisch den zu Textgröße und Laufweiten passenden Abstand.

Während man in einer Textverarbeitung Absätze dadurch mit einer Leerzeile trennt, dass man zweimal auf die Entertaste drückt, genügt bei LyX ein Tastendruck. Es führt dann automatisch nicht nur einen Zeilenumbruch durch, sondern setzt auch – je nach Dokumententyp – den passenden Zeileneinzug und / oder die Leerzeile.

Seitenlayout – Dokumentklassen

Während Textverarbeitungen, welchen Herstellers auch immer, dem Benutzer beim Start ein leeres "Blatt" anbieten, in dem i. A. lediglich die Seitenränder und die Grundschriftart und -größe festgelegt ist, formatiert LyX den Text immer an Hand einer gewählten Dokumentklasse. Die Dokumentklasse (nicht Dokumentvorlage!) richtet sich nach der Art des Dokuments, das man erstellen will. Schließlich verlangt ein Buch eine andere Formatierung als ein DIN-Brief, ein Lebenslauf eine andere als ein Geschäftsbericht. Während der Benutzer einer Textverarbeitung also erst einen Text schreibt und meist schon während des Schreibens versucht, den Text in die dem Zweck passende Form zu bringen, ist dies bei LyX anders herum. Der Zweck bestimmt die Dokumentvorlage und nach dieser wird der eingegebene Text anschließend sauber formatiert. Oder, richtiger gesagt: gesetzt.

LyX bietet die unter LaTeX vorhandenen Dokumentenklassen an, von denen es eine ganze Menge gibt. Hier nur die Wichtigsten:

Diese Klassen sind international gängig. Für die Eigenarten des deutschen Sprachraumes haben sie einige Nachteile. Deswegen setzen sich hier zunehmend die von Markus Kohm und J.-U. Morawski angepassten Klassen durch:

Neben der Klasse 'slidenotes' für Folien gewinnt für Präsentationen die Klasse 'beamer' zunehmend an Bedeutung. Übrigens: Es gibt fast nichts, wofür es keine Dokumentklasse gibt. Und jede Klasse kann nochmal durch 'Stile' verändert werden. Beim ersten Start von LyX ist eine Dokumentenklasse voreingestellt, meistens 'article'. Aber das kann man ändern.

Seiten-Stile
Zum Seitenlayout gehört auch die Formatierung dynamischer Seitendaten wie Seitenzahlen und Textmarken. Hierbei richtet LyX nach dem gewählten Layout: Bücher, Artikel usw. erhalten standardmäßig eine (zentrierte) Seitennummerierung, Briefe nicht. Dies ist in vielfältiger Weise änderbar. Genauso änderbar ist die Art und Weise der Nummerierung.

Zeichensätze / Schriftarten, Seitenränder

Ebenfalls etwas anders verwendet LyX den Gebrauch der Zeichensätze und -größen, sowie der Schriftarten. Natürlich kann man unterschiedliche Schriftarten auswählen, aber nur ihre Grundschriftgröße wählt man als Punktgröße in dem Bereich von 10, 11 und 12 Punkt. Davon differierende Größen werden in zehn Stufen (von "winzig" bis "gigantisch") gewählt. Wobei diese einzelnen Größen jeweils sich von der Größe der Grundschrift ableiten. Die Größe "Gigantisch" ist bei einer 10-Punkt Grundschrift eben kleiner als bei einer 12-Punkt Grundschrift. Deswegen fehlt auch die aus Textverarbeitungen bekannte Schriftgrößenwahl. LyX verwendet die bei LaTeX mit gelieferten Schriften – also nicht die üblichen True-Type-Schriften.

Die Seitenränder werden standardmäßig vom Programm in Bezug zur Grundschriftgröße gewählt; und zwar so, dass ein möglichst gut lesbarer Text entsteht. Darüber hinaus sind die Seitenränder frei einstellbar.

Formeln

Eine besondere Stärke von Lyx zeigt sich in der einfachen Einbindung mathematischer Formeln. Die Eingabe für ein einfaches Mathematik-Übungsblatt ist mit Hilfe der Formelfunktionalität der Textverarbeitung zwar einfach, sieht im Ergebnis aber nicht berauschend aus (hier am Beispiel von OpenOffice):

Bruchrechenaufgabe in einer Textverarbeitung mit Formelfunktion

Ganz anders dagegen die Darstellung in LyX:

Die Bruchdarstellung in LyX

Die Bruchzahlen werden in der Größe automatisch angepasst – wie sich das gehört. In der zweiten Aufgabe sieht man, wie der Multiplikationspunkt eingeben wird. Zwischen den Aufgaben sind Symbole für Abstandshalter sichtbar.

An der Druckausgabe gibt es nichts auszusetzen:

Druckausgabe der obigen Bruchdarstellung

Wenn's komplizierter wird, läuft LyX erst richtig zur Hochform auf – es bildet Formel immer korrekt ab (Beispiel aus dem LyX-Tutorial):

Eine kompliziertere Formel

Vertiefende Erläuterungen bietet nicht nur die LyX-eigene Dokumentation. Auch im Netz finden sich dazu einige Anlaufstellen. Im nächsten Link wird z. B. auf die Bedeutung der kontextbezogenen Auszeichnung eingegangen:
Dokumentenverarbeitung für Wissenschaftlerinnen

Lesbarer Quelltext

Ein Vorteil von LyX ist der wie ebenso bei LaTeX jederzeit lesbare Quelltext, der im ASCII-Format vorliegt. Das ist bei 99% aller Textverarbeitungen nicht der Fall. Dort sind die Dateien entweder binär (z. B. Word) oder gepackt (z. B. OpenOffice) abgelegt. Sollte durch irgendeine Ursache an der geschriebenen Datei ein Fehler auftreten, kann sie möglicherweise rettungslos verloren sein. Im Internet finden sich dazu recht drastische Beispiele (selbst habe ich solche Fälle auch erlebt). Dies ist beim ASCII-basierten LyX-Format nicht möglich. Selbst beschädigte Dateien können immer noch mit jedem beliebigen Editor eingelesen und bearbeitet werden – bis der Fehler behoben ist und LyX die Datei wieder einlesen kann. Es kann also nichts verloren gehen ...

Ausgabeformate

Ausgabeformate? LyX speichert zwar in einem (eigenen) lesbaren Format, daraus ist allerdings keine direkte Druckvorschau möglich. Dazu bietet LyX drei Möglichkeiten an:
- mittels DVI - mittels PDF - mittels PS (Postscript).
DVI ist das alte Ausgabeformat von LaTeX, Postscript eine Seitenbeschreibungssprache für hochwertige Laserdrucker. Das am weitesten verbreitete und meist gebräuchliche Format ist PDF. Es bietet sich an, es schon deswegen zu benutzen - vor allem aber, da LyX (wie LaTeX) auch eine direkte Unterstützung für PDF-Befehle wie der aktiven Unterstützung von Links u.a.m. anbietet.
Natürlich kann LyX auch in diese Formate exportieren.



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