Geschlecht und Sprache

Oder: Warum hier keine "...Innen" vorkommen

Dass eine Frau ein Mensch ist, dürfte unbestritten sein. Dass ein Mann auch ein Mensch ist, ebenso. Und ein Kind auch. Und dass ein Mensch, gleich welchen Geschlechts, in seinem Leben irgendeine Funktion übernehmen kann und in den allermeisten Fällen auch wird, ist tägliche Erfahrung. Ob Arzt, Lehrer, Taxifahrer, Bauarbeiter oder ...: Alle diese und eine Unzahl weiterer Funktionen kann ein Mensch ausüben, sogar mehrere nebeneinander

Nun hat es sich im deutschen Sprachraum eingebürgert, die Funktion dem jeweiligen Menschen zu zuordnen. Ja, noch mehr, sie mit dem jeweiligen Menschen gleich zu setzen, wenn wir davon reden, z. B. dass jemand Arzt ist. Wir dürfen jedoch mit einiger Bestimmtheit behaupten, dass ein Mensch unbestreitbar ein Mensch, aber eben nicht seine Funktion ist. Die erfüllt er - mehr oder weniger gut. Aber einen Menschen sprachlich einzig auf seine Funktion zu reduzieren, ist, vorsichtig ausgedrückt, schon sehr einseitig. Ich denke, dies ist sogar herabwürdigend. Aber das wird nur allzu gerne und allzu oft und unbewußt gemacht. Weil es sich eben so eingebürgert hat. Und wenn man in Deutschland eine Sache anfängt, dann macht man sie auch gründlich. Und so benennt man Menschen nicht einfach nur mit ihrer Funktionen, nein, man unterscheidet dabei auch nach Geschlecht. Und das nicht nur bei der Einzelnen und dem Einzelnen, sondern auch übergreifend, verallgemeinernt.

In "Sprachfeminismus in der Sackgasse" nimmt sich Dr. Arthur Brühlmeier dieses Problems an. Er schreibt u. a.:

Tatsächlich beruht die Forderung nach einer konsequenten Doppelnennung menschlicher Funktionsträger auf einem fundamentalen sprachwissenschaftlichen Irrtum. Die Fehlüberlegung besteht in der Gleichsetzung von biologischer Geschlechtlichkeit und grammatikalischem Genus. Diese Gleichsetzung ist aber unstatthaft, denn es gibt ja drei Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum) aber bloss zwei Geschlechter. Auch wird allem Ungeschlechtlichen (der Ofen, die Wolke, das Fass) ein Genus beigeordnet, was wiederum zeigt, dass biologisches Geschlecht und grammatikalisches Genus keinesfalls gleichgesetzt werden dürfen. Das Genus wird aber nicht bloss geschlechtlich oder ungeschlechtlich, sondern – in unserem Zusammenhang grundlegend – auch übergeschlechtlich (als Androgynum) verwendet: Der Mensch, der Gast, der Flüchtling – die Person, die Persönlichkeit, die Waise – das Kind, das Individuum, das Geschwister – sie alle können männlich oder weiblich sein. So sind insbesondere sämtliche Funktionen, die praktisch von allen Verben abgeleitet werden können und auf -er enden, trotz des maskulinen Genus nicht biologisch männlich, sondern androgyn zu verstehen.

Um es noch deutlicher zu sagen: Das, was Dr. Brühlmeier hier als übergeschlechtlich bzw. androgyn bezeichnet, steht im Grunde für einen Sammelbegriff einer bestimmten Funktion. Ein Sammelbegriff der manchmal schon in die Nähe eines Gattungsnamens kommen kann. In einem Sammelbegriff sind aber immer alle Teile eines Ganzen subsumiert, egal ob sie männlich, weiblich oder sächlich sind. Mit "Bürger" sind also sprachlich immer alle einem Gemeinwesen zugehörigen Menschen, also alle Frauen, alle Männer und alle Kinder gemeint. Ohne Ausnahme. Und Sammelbegriffe wie Lehrer, Arzt usw. subsumieren eben alle in dieser Funktion tätigen Lehrer, Ärzte usw., gleichgültig, ob sie männlich oder weiblich sind.

Anders kann es sein, wenn man einen einzelnen konkreten Menschen direkt anspricht. Dann macht es durchaus Sinn, wenn, soweit möglich, der Sexus sprachlich mit dem Genus übereinstimmt. Dr. Brühlmeier führt aber auch Beispiele an, in denen Sexus und grammatischer Genus gar nicht übereinstimmen müssen, ebenso wie Volker Gringmuth es in seinem Artikel "Geschlechtergerechte Sprache" beschreibt:

Wenn eine junge Person ihre Eltern verloren hat, ist sie eine Waise, und wird sie gar als Druckmittel gefangengehalten, handelt es sich um eine Geisel. Auch dann, wenn sie Norbert heißt. Drei grammatisch weibliche Begriffe, die ebenso Männer wie Frauen bezeichnen können.

Die Zweifelhaftigkeit und Inkonsequenz in der Doppelnennung bei Funktionen / Sammelbegriffen a la "Journalisten und Journalistinnen" (noch besser: "JournalistInnen") zeigt sich besonders beim Gebrauch von Anglizismen. So ist es durchaus gebräuchlich, vom "User" und den "Usern" zu sprechen. Noch nie habe ich aber vernommen, dass statt von "Usern" von "Userinnen und Usern" gesprochen wird. Oder lese ich nur die falschen Blogs?

Detlef Hartlap, Chefredakteur der "Prisma", dem Wochenmagazin der Tageszeitung, schreibt in der Ausgabe 43/2010 unter der Überschrift "Die Innen-Schleife":

Was wäre ein SPD-Parteitag ohne die Floskel "Liebe Genossinnen und Genossen"? Die Rededauer würde auf ein Drittel schrumpfen. ... Am Radio höre ich "Unsere Beamtinnen und Beamten" - Himmel, geriete das Gleichgewicht der Geschlechter ohne eine solche Innen-Schleife aus dem Lot? ... Die Emanzipation erschöpft sich im Binnenmajuskel, den großen I in BürgerInnen. Das ist so häßlich wie leicht. Leichter jedenfalls als Voraussetzungen zu schaffen, unter denen junge, gut ausgebildete Mütter schleunigst in ihrem Beruf zurückkehren können. ..."

Ach, die oben genannten sind alles "nur" Männer und von daher in ihrer Argumentation vorbelastet? Bettina Hammer, eine u. a. auf Telepolis schreibende Journalistin stößt durchaus ins gleiche Horn: "Könnten wir bitte die Emanzipationsschraube wieder etwas herausdrehen? Ich möchte endlich wieder lesbare Texte ;)" - schreibt von der Sprache, die zur "Wortdschungeliade mutiert, durch die man sich mittels des "Binnen-I-raus"-Messers kämpfen muss" und sagt von sich: Ich bin keine "In" ...

Übrigens: Welchem grammatikalischem Geschlecht sollte man einem Funktionsträger zuordnen, dessen Sexus nicht eindeutig ist? Müsste man alle Hermaphroditen dann nicht noch extra aufführen? Für den Fall gäb's nur eine Lösung: Wie im Englischen alles mit einem Pronomen zu belegen: Das Mann, das Frau, das Mond, das Sonne, das Ding ... "Das Gott" haben wir ja schon. Damit würden wir auch, wo wir schon im Zeitalter des Reduktionismus leben, die Zahl der Demonstrativpronomen, Interrogativpronomen usw. usw. stark beschränken. Was das Lernen der deutschen Sprache enorm vereinfachen würde. Und wir könnten endlich alle Streitigkeiten zu diesem Thema beilegen und uns zufrieden in unseren Sessel zurücklehnen.

Und wenn wir schon so weit sind: Dann lasst uns auch gleich alle Substantive klein schreiben. Außer den Eigennamen und beim Satzanfang. Wie im Englischen auch. Ach, was wäre das für eine Erleichterung für Schüler! Und was für eine beim Tippen!

Ironie off

Übrigens: Haben Sie schon mal was von Verliererinnen oder Nichtwählerinnen gehört? Nein? Komisch, nicht? Oder auch nicht, meint man bei Telepolis: "Männer werden mittlerweile auf sehr vielen Gebieten diskriminiert"

Läßt man die letzten Jahre Revue passieren, kommt einem der Gedanke, dass gewisse Interessengruppen Frauen gegen Männer, Kinder gegen Eltern, Reiche gegen Arme, Arbeitende gegen Arbeitslose, Junge gegen Alte aufhetzen könnten. Nach dem Motto "divide et impera" ... Um ihr eigenes Süpppchen zu kochen?

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